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Sohn tötet seine pflegebedürftige Mutter und sich selber

  • Guten Morgen Allerseits,


    traurig und entsetzt habe ich gestern die Meldung gelesen, dass in Bremen Vegesack ein 52 jähriger Sohn seine 86 jährige, pflegebedürftige Mutter und sich selber wohl aus Überforderung getötet hat.



    https://www.butenunbinnen.de/n…e-bremen-vegesack100.html




    Meine Gedanken gingen gleich in eine Richtung, nicht nur bei mir, ich wurde mehrmals diesbezüglich angeschrieben.


    Wie absolut hilflos muss sich ein Mensch fühlen, der so ein Finale zustande bringt? Werden wir wirklich so alleine gelassen, mit der Last, die eine vor allem, langjährige Pflegesituation mit sich bringen kann? Sind wir nicht mehr in der Lage laut genug um Hilfe zu bitten, wenn wir merken, es geht einfach nicht mehr und können wir Hilfe überhaupt annehmen? Gibt es direkte Hilfe überhaupt noch auf diesem Gebiet?


    Vor vielen Jahren hatte in einem Ort, in dem wir lebten, ein Senior seinen Hund, seine an Alzheimer erkrankte Frau und dann sich selber erschossen. Es gab Familie. die Angehörigen hatten von diesen Absichten keine Ahnung.


    Vielleicht könnt Ihr Eure Ängste und vielleicht ausweglose Situationen hier niederschreiben damit wir vielleicht gemeinsam ein Licht am Horizont aufleuchten lassen können.


    Traurige Grüssle


    Brigitte :(

  • Liebe Brigitte,


    ja bei diesem Bericht kommen einem so bestimmte Gedanken...


    Ich selber merke immer wieder, dass Menschen im Umfeld nicht verstehen können, dass es viel Kraft kostet zu pflegen. Selbst wenn man sich nur aus der Ferne um das organisatorische und den Einkauf kümmert.
    Ich erlebe es selbst bei meinen Kollegen, dass sie einfach nicht verstehen können, dass mir die Zeit vor der Spätschicht zu knapp ist, zu meiner Mutter zu fahren, dort zu putzen und ihr zu helfen und dann wieder nach Hause zu fahren und zu arbeiten.
    Und wenn man dann mal sagt, man ist platt, weil man schlecht geschlafen hat, da wieder die Gedanken kreisten, dann kommt gleich, du hast ja morgen frei, aber frei hat man ja nicht wirklich. Da steht dann einkaufen an, oder ein neuer Antrag muss gestellt werden, oder endlich mal wieder eine Fahrt ins Pflegeheim usw.
    Und dann hört man immer wieder, du musst das doch nicht machen, gibt doch Pflegedienste usw.
    Meist sind es Leute, die zu ihren Eltern bzw. Schwiegereltern selber kaum Kontakt haben oder hatten und auch noch nie gepflegt haben.


    Und selbst die eigene Familie zieht sich zurück. Um so mehr Unterstützung meine Eltern brauchten, um so mehr zogen sich meine Kinder zurück. So lange wir dabei sind und sie möglichst fahren, kommen sie ja notfalls mit, aber wenn es darum geht ihren Opa mal alleine zu besuchen, weil wir es einfach nicht schaffen, ist das für sie nicht möglich. Vermutlich aus Angst es könnte was passieren.
    Klar diese Angst habe ich auch bei jedem Besuch, da bin ich auch froh, dass wir meist meine Mutter mit nehmen. Aber wenn es drauf an kommt fahre ich auch nur mit meinem Mann hin.


    Meine Mutter bricht jetzt sogar den langjährigen Kontakt zu einer Freundschaft ab, weil mein Vater ihr an den Kopf geknallt hat, dass es ja sein Freund war und warum sie da hin fährt.


    Ich glaube in der Pflege entwickeln sich Situationen, wo man sich nicht verstanden fühlt und sich dann irgendwann zurück zieht. Man hat auch irgendwann nicht mehr die Kraft dazu sich jedem zu erklären. Und wenn man dann vielleicht noch so drauf ist, dass alles verkehrt ist was andere machen, kann ich mir schon vorstellen, dass man dann nicht mehr kann und will, aber eine Lösung ist das mit Sicherheit nicht.


    Mehr Verständnis untereinander wäre da schon der erste Schritt. Dieser ist aber für viele ein sehr schwerer Schritt, denn psychischer Druck und Kraftlosigkeit sind nun mal Dinge, die man nicht in Form von Gips, Krückstock usw. sieht.




    Liebe Grüße Ines

    Ich bin nicht auf der Welt um so zu sein wie andere mich haben wollen.

  • Ihr Lieben,
    es ist sehr, sehr wichtig und auch notwendig, die Pflegenden immer wieder zur Offenheit, zum Reden, zum Erzählen zu ermutigen. Ihnen immer wieder zu verstehen zu geben, dass auch einmal Frust oder Hilflosigkeit ausgesprochen werden müssen und auch können, und dass sie sich regelrecht "auskotzen" sollen.
    Es ist unendlich traurig, zu sehen, wie allein sich Menschen fühlen können. :(


    Wir müssen noch wachsamer und hellhöriger werden, noch mehr zwischen den Zeilen lesen können.
    Ganz besonders angetan bin ich hier in diesem Forum von der Sensibilität vieler User, wenn ich lese, wie auf viele Themen und die Menschen die hinter diesen Themen stehen, eingegangen wird.
    Menschen, die sich hier einfinden, können sehr dünnhäutig sein und fühlen sich dann durch ein kleines Wort missverstanden.
    Wir müssen noch mehr versuchen, sie nicht zu vergraulen. Immer wieder vermisse ich den einen oder anderen User, der sich nach kurzer Zeit wieder von hier zurückgezogen hat. Und das, obwohl der Empfang für Neue freundlich ist. Da ich selber noch als Neue im Forum bin, kann ich mich ganz gut in das Neusein hineinversetzen. :umarm:


    Mir wird bange, wenn ich mir vorstelle, wie viele Menschen, gerade jetzt, während ich hier schreibe, in ausweglosen Situationen sind und keine Hilfe finden. :g03:


    Da hier im Forum die Anonymität gewahrt wird, lade ich alle ein, offen zu reden, zu schreiben, zu klagen.
    Ich lade auch alle ein, fröhlich zu sein und über frohe und schöne Begebenheiten zu berichten.
    Mich macht diese Nachricht über den Sohn, für den der eigene Tod und der seiner Mutter der einzige Ausweg aus seiner Tragödie war, sehr betroffen. Leider liest man immer wieder von solchen Tragödien. :weine:

    Es grüßt herzlich vom Bodensee,
    Rosenblatt :winke:


    Unsere Homepage: www.spurensuche-wiedeking.de


    Wir sollen unser Leben, solange es dauert,
    mit unseren Farben der Liebe und Hoffnung ausmalen.

    Marc Chagall

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